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milchkuh20Eigentlich war die Idee gar nicht so schlecht: Die EU Länder legen mit der Milch Quote fest, wie viel Milch europaweit produziert werden darf. Jeder Milchbauer bekommt eine maximale Produktionsmenge zugewiesen, damit sich Angebot und Nachfrage die Waage halten und die Preise stabil bleiben. So sollten auch kleine Betriebe in schwierigen Lagen, etwa in den Mittelgebirgen oder den Alpen, eine Chance bekommen, weiter Landwirtschaft zu betreiben.

Zum 31. März 2015 wird die Milchquote nun nach gut dreißig Jahren abgeschafft. Was sie gebracht hat? Viele Landwirte bekommen zurzeit weniger als 30 Cent pro Liter Milch. Das deckt nicht mal die Selbstkosten. Auch das Höfe sterben hat die Regelung bestenfalls leicht abgebremst. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich die Zahl der Milchbauer in Deutschland halbiert. Milch wird heute an der Börse gehandelt, wodurch so manche Landwirte gute Geschäfte machte.

Nun wird der Markt es richten, ist zu hören, endlich steht die Leistung wieder im Vordergrund. Ihre Hoffnung: Die Weltbevölkerung wächst, die Asiaten konsumieren mehr Milch und Käse, und vor allem die Chinesen könnten künftig noch mehr Milchpulver aus Deutschland importieren, weil sie nach zahlreichen Sanktionen ihrer eigenen Produktion misstrauen.

Mit dem Ende der Quote wird sich der Strukturwandel in den folgenden Jahren vermutlich verschärfen, kleinere Betriebe werden aufgeben und die großen werden noch größere Investitionen machen. Es wird zukünftig Höfe geben von fünfzig bis sechshundert Kühen, die gar nicht genug Land haben, um Futter für so viele Tiere anzubauen sowie deren Exkremente loszuwerden.

Hinter diesen Millioneninvestitionen steckt das typische Leistungs- und Wachstumsdenken der Branche, die aus Bauern staatlich unterstützte Agrarunternehmer macht, die dem Ruf nach Weltmarkt bereitwillig folgen. Überleben könne in Zukunft nur, wer zu den hochrentablen Top- Landwirten gehören, predigen die Berater. Solche Betriebe müssten mindestens vierhundert bis achthundert Kühen haben.

Der Glaube an die Unausweichlichkeit der darwinistischen Verdrängung in der Landwirtschaft, die Gewissheit, dass nur schiere Größer effizienter sein kann, ist sehr stark in der Agrarbranche. Das Problem dabei ist nur: Die Rechnung geht nicht auf. Ökologisch nicht, weil die großen Betriebe ihre Kühe nicht mehr auf die Weide lassen können und von Importfuttermitteln abhängig sind.

Die modernen Intensivbetriebe haben ihre Milchleistung so effizient gesteigert, dass sie an anderer Stelle wieder ineffizient geworden sind. Sie haben ihre Leistungen auf gigantische Mengen von mehr als 10.000 Liter pro Tier und Jahr getrieben. Das ist ein enormer Kraftakt für die Tiere: Eine Kuh muss fünfhundert Liter Blut durch ihr Euter pumpen, um einen einzigen Liter Milch zu erzeugen. Doch in der Euphorie über diese Rekordleistungen haben die Herdenmanager aus den Augen verloren, dass die meisten Kühe solche Superleistungen nicht länger als zwei oder drei Jahre durchhalten. Viele bekommen Stoffwechselstörungen, Euter oder Klauenerkrankungen und werden nicht wieder tragend. Man könnte es den Burnout der Kühe nennen. Solche Kühe werden oft geschlachtet, im Durchschnitt mit gerade vier oder fünf Jahre und durch neue junge Hochleistungsproduzentinnen ersetzt.

Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte darüber, ob wir eine solche Ausnutzung von Tieren dulden. Das geht nicht nur die Landwirte an, sondern auch alle Konsumenten, die Milch und Fleisch kaufen. Und wir müssen die ökonomischen Widersprüche dieser Intensivierung besser analysieren und daraus eine andere Förderpolitik ableiten. Eine Kuh in Deutschland steht im Schnitt 2,3 Laktationen in Stall, Geld verdient sie aber frühestens zu Beginn der dritten Laktation. Das bedeutet: Die meisten Kühe werden schon ausrangiert, bevor sich die Kosten für ihre Aufzucht überhaupt amortisiert haben. Und noch absurder ist: Je größer die Betriebe, desto eher kollabieren die Kühe. Das belegen die Statistiken des wichtigen Zuchtverbands für Hochleistungskühe, die Deutschen Holsteins. Danach melken die kleinsten Höfe ihre Kühe fast zwei Jahre länger als die Betriebe mit mehreren hundert Kühen. Den Landwirten wird also geraten, in ein System zu investieren, das sich offensichtlich nur schwer beherrschen lässt.

Der Einfluss der Kapitalmärkte auf die Landwirtschaft ist in den letzten Jahren gestiegen, immer mehr Anleger investieren in Agrargüter. Deshalb schwanken die Weltmarktpreise immer heftiger. Die Energiewende wiederum fördert den Anbau von Biogas Anlagen, mit denen sich zurzeit mehr Geld verdienen lässt als mit Milch oder Fleischprodukte. Deshalb sind die Preise für Land in den letzten Jahre gestiegen. Kostendeckende Erzeugerpreise sind also keineswegs garantiert. Gleichzeitig herrscht ein großes Machtgefälle auf dem Lebensmittelmarkt. Zehntausenden einzelnen Landwirten stehen eine Handvoll großer Molkereien und Schlachthöfe gegenüber, die mit ihrer Marktmacht Preise diktieren.

Um dieser schwierigen Situation zu entkommen, treten viele Landwirte die Flucht nach vorne an, indem sie Aufrüsten, den Betrieb vergrößern. Letztlich lassen sich diese Kosten in ihren Berufsleben nicht mehr erarbeiten. Man könnte sagen, aus dem Leibeigenen sei ein bankeigener Bauer geworden. Sobald er Millionen in einen neuen Kuhstall investiert hat, gibt es kein Zurück mehr. Spätestens jetzt kann er nicht mehr über alternative Haltungsformen diskutieren.


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